Hat Anz doch Recht?

Zu simpel

Als Daniel Anz, argentinischer Hufschmied, seine Bearbeitungstheorie vorstellte, verblüffte die  Einfachheit der Methode. Eine präzise aber gut nachvollziehbare Trachtenanalyse, ein paar machbare Messvorgänge, ein bisschen Sohlenkunde und den Rest erledigt die geübte Schmiedehand mit der Raspel. 

Könnte es wirklich so einfach sein?

Da bemühen sich Schmiede Jahrhunderte lang brauchbare und einheitliche Systeme zu entwickeln und produzieren letztendlich doch nur eine Vielzahl zusätzlicher Bearbeitungsmethoden und -theorien und wenn man noch die ganzen Theorien der Hufpfleger hinzuzählt, dann ist das Chaos perfekt. Und nun kommt ausgerechnet ein Südamerikaner und will das Ei des Kolumbus des Schmiedehandwerks gefunden haben.

Das konnte oder durfte nicht sein und so verwundert es nicht, dass sehr schnell die generelle Anwendbarkeit der Methode Anz auf alle Hufe oder zumindest die Mehrzahl der Hufe, bestritten wird. Allerdings wird diese Aussage selten fundiert begründet. Die Kritik erfolgt nur pauschal.„Anz“, so die Kritik, „mache sich völlig unglaubwürdig, wenn er seine Methodik als generell wirksam einstufe, also brauche man sich damit nicht weiter zu beschäftigen, sie allenfalls als eine weitere unter vielen Methoden ablegen“.
Dabei macht es Anz seinen Kritikern eigentlich sehr einfach ihn zu widerlegen. Er bietet schließlich ein reproduzierbares Messsystem an, was auf bestimmten anatomischen Grundannahmen basiert. Jeder kann entweder überprüfen, ob die anatomischen Grundannahmen stimmen und/oder ob die davon abgeleiteten Messungen plausibel sind. Das bieten andere Methoden nur sehr eingeschränkt oder gar nicht.

Der Fall

Als ich zum ersten Mal von Anz las, erschien mir Vieles sofort plausibel und ich erinnerte mich an meinen augenscheinlichsten Fall.

Es geht um ein 12 jähriges Springpferd, das in den Hintergliedmassen fassbeinig steht. Diese Stellung führt zu einer starken Belastung der äußeren Hufwände. Gemäß der Belastungssituation waren die äußeren Wände steil und kurz und die inneren lang und flach.

Die Konsequenz aller Hufschmiede war nun, die äußeren Wände zu entlasten, indem man die inneren Wände kürzte. Das erfolgte über mehrere Jahre mit absoluter Konsequenz, denn nur so sah man eine Chance den Huf wieder in die andere Richtung zu kippen oder ihn zumindest nicht schlimmer werden zu lassen. Das schien aber irgendwie nie funktioniert zu haben, völlig egal welcher Hufschmied sich auch in all den Jahren versuchte.
Als ich das Pferd übernahm, war die äußere Wand extrem kurz und steil, teilweise schon mit negativer Steigung, die innere immer noch zu lang und stark verbogen und außerdem drehte das Tier vehement. Es gab also eine paradoxe Reaktion. Je mehr die längere innere Wand gekürzt wurde, umso stärker schien die Belastung auf der Außenwand zu werden, die man niemals kürzte.

Selbstverständlich schützten diese Hufschmiede die äußere Wand des Hufes vor Abrieb durch diverse Eisenkonstruktionen, aber es half alles nichts bzw. machte vieles nur noch schlimmer. Wände brachen aus, Bakterien und Pilze eroberten die weiße Linie und insgesamt bekam das Pferd den Stempel, genetisch schlechte Hufqualität, miese, aber hinzunehmende Stellung. So richtig zu gebrauchen war es dann irgendwann auch nicht mehr.

Es war die miese Hufqualität, die mir die Chance gab, mich näher mit diesem Pferd zu beschäftigen. Die Eisen hielten nicht mehr, falls der Hufschmied es überhaupt noch schaffte Nägel zu versenken. Die Situation des Pferdes wurde längst als gottgegeben akzeptiert und seine stark eingeschränkte Nutzung sowieso.

Die Analyse der Hinterhufe offenbarte ein kleines aber wichtiges Detail, was ganz offensichtlich alle Schmiede zuvor als nicht so relevant erschienen war; die hochgeschobenen äußeren Ballen.

Obwohl die äußere Seite deutlich kürzer aussah, kürzte ich sie noch mehr und senkte so die hochgeschobenen Ballen nach und nach ab. Der Erfolg gab mir recht. Das Pferd hörte auf zu drehen, lief mit jeder Bearbeitung deutlich besser und nach ein paar Monaten so gut wie noch nie zuvor.
Da das Tier einer Bereiterin (FN) gehört und diese das Pferd schon viele Jahre besaß, konnte ich mich bezüglich des Laufverhaltens und der Beweglichkeit auf die Bewertung verlassen, war also sonicht nur auf mein eigenes, vielleicht zu subjektives, Urteil angewiesen.
Es dauerte nur wenige Wochen und die Hufwände waren wieder völlig intakt, ganz egal ob beschlagen oder eben nicht.
Aber wie kann das sein, dass sich so viele Hufschmiede so vertun? 

Paradox

Ich spreche oben von einer paradoxen Reaktion bzw. einer Reaktion die gegen die gängige Lehrmeinung zu bestehen hat und diese gängige Meinung in Deutschland beschäftigt sich auffallend wenig mit hochgeschobenen Ballen.

Paradox ist das aber nur, wenn sich Hufbearbeiter allein auf die Bearbeitung nach Fesselstand reduzieren bzw. das was sie für einen korrekten Fesselstand halten. Dieses Pferd zeigte zwar einen korrekten Fesselstand, aber es erkaufte sich diesen mit einer deformierten Kapsel. Denn um den korrekten Fesselstand zu erreichen, musste es sein Bein so unter den Körper stellen, dass es die äußere Wand noch mehr belastete, als es das ohnehin schon stellungsbedingt tun musste. Dann begann der Teufelskreis. Je mehr sich die äußeren Ballen plus Wand hochschoben, umso länger sah die innere Wand aus, umso stärker wurde sie gekürzt bzw. umso massiver schützten die Hufschmiede die äußere Wand durch entsprechend gelegte Eisen. Irgendwann reagierte das Pferd nicht nur mit einer zunehmenden Kapseldeformation, sondern auch noch mit einer Rotation. Es fing an, bei jedem Schritt mit den Hinterbeinen zu drehen, eine Ausweichbewegung infolge einer kompletten Verstellung.
Erst als ich das scheinbar paradoxe Programm begann, entspannte sich die Situation nach und nach. 

Aber was passiert da? Was täuscht uns so sehr, dass die Knochenstellung gut aussieht, aber das Pferd trotzdem schlecht laufen kann?
Eine mögliche Erklärung liegt im System der Rezeptoren, die sich zahlreich an allen möglichen Stellen im Körper befinden, sowohl im Körper des Menschen als auch im Körper des Pferdes. Diese Rezeptoren geben z.B. dem Körper Rückmeldung, wo sich gerade unsere Beine befinden. Wir können das leicht selbst ausprobieren. Stellen Sie sich einfach mal mit den Beinen weit auseinander, breitbeinig hin. Es wird nicht lange dauern und ihr Körper meldet ihnen, dass die Position unbequem ist und sie sich doch bitte wieder mehr unter dem Rumpf stellen sollten. Für diese Rückmeldung gibt es Rezeptoren, die diverse Zustände ihres Körper messen und weiterleiten können. Im konkreten Fall würden Rezeptoren „unbequeme, nicht entspannte Stellung“ zurückmelden. Man könnte auch sagen, die Rezeptoren schützen Ihren Körper vor einer Fehlbelastung, denn wenn sie versuchen würden dauerhaft so stehen zu bleiben, könnte eine Sehne überlastet werden, ein Knie knirschen, ein Band zu sehr gedehnt werden usw.

Etwas ähnliches wird bei obigem Pferd passiert sein. Die Verstellung durch den Hufschmied zwang das Pferd eine Schutzhaltung einzunehmen, sprich sein Bein an eine andere Stelle unter den Körper zusetzen. Damit war z.B. die Stellung eines Gelenkes gesichert, aber das erkaufte sich das Pferd mit einer deformierten Hufkapsel, die für die nun auftretende Druckbelastung nicht gebaut war und dem Druck auswich. Zusätzlich kam es zu einer ungünstigen  muskulären Belastung, denn so ein Bein ständig an eine andere Stelle unter den Körper zu stellen, geht nur mit einseitiger Muskelaktivität. Die Folge sind dann oftmals Verkrampfungen im Rahmen von Überlastung einzelner Muskelstränge. Die Mehrzahl der Muskeln unseres Skeletts sind antagonistisch angelegt, wie z.B. die Beugemuskulatur zur Streckmuskulatur. Wenn eine Seite ständig mehr Arbeit leisten muss, kann das zu gravierenden Problemen führen.
Die Korrektur dieses Zustandes brachte dann die muskuläre Entspannung und ganz nebenbei auch einen unauffälligen Fesselstand und einen korrekteren Bewegungsablauf.

Was hat das nun alles mit Anz zu tun?

Sehr viel, denn genau solche Fälle nimmt Anz als einen Beweis für die Richtigkeit seiner Methode. Während ich solche Hufe eher nach Gefühl als nach klaren Kriterien bearbeite, scheint Anz ein eindeutiges, reproduzierbares Messsystem zu besitzen.
Ich gehe bei Pferden von annähernd gleich hohen Ballen aus. Allein das ist schon mal falsch, denn ich weiß, dass es Schiefstände des Hufbeins gibt, die als Konsequenz unterschiedlich hohe Ballen haben müssen. Diese Pferde passen also schon mal nicht in meine Methode. Zudem ist der Ballenstand gar nicht absolut messbar, man kann nur optisch die Verschiebung zueinander ermitteln. Ich weiß also nie, ob es wohl besser wäre die eine Seite zu erhöhen oder doch die andere abzuschneiden. Und selbst wenn ich glaube abschneiden zu können, weiß ich auch nie so genau wie viel. Lassen Sie 10 verschiedene Menschen auf die selben Ballen/Trachten schauen und Sie haben 10 verschiedene Meinungen, was die richtige Höhe ist.
Die Methode taugt also nur für offensichtliche Verschiebungen. Sobald man aber in den Bereich der Annäherung der Ballen auf gleiche Höhe kommt, wird es schwammig. Ich flüchte mich dann gerne in eine Barhufphase. Dort kann das Pferd dann den Rest über den Abrieb erledigen und sich damit selbst nivellieren. Das funktioniert ziemlich gut, wenn denn der Pferdebesitzer bereit ist, seinem Pferd Abrieb zu gönnen.

Anz war cleverer. Er richtet sich nicht nach der Ballenhöhe, sondern nach der Trachtenlänge.
Aber das allein macht es noch nicht messbar. Anz brauchte einen Anfangs- und einen Endpunkt für die Ermittlung der Trachtenlänge.
Den Anfangspunkt fand er im Übergang zwischen unbehaartem Ballen und behaartem Bein, sprich der Haarlinie. Als Endpunkt legte er sogenannte Stresspunkte fest, kleine Wuchsänderungen, Knicks, Einkerbungen etc. an der Trachte oder alternativ die gedachte Verlängerung der funktionalen Sohle im Trachten-/Eckstrebenwinkel. Es leuchtet ein, dass ein System zur Ermittlung der richtigen Trachtenlänge alle weiteren Arbeiten am Huf drastisch erleichtert. Die Anpassung des Hufs in Richtung Zehe folgt dann im Wesentlichen bekannten Theorien rund um die funktionale Sohle.
Aber das System Anz lässt sich nicht auf die Tachtenlänge und die funktionale Sohle reduzieren. Der entscheidende Punkt ist die Nutzung der Flexibilität des Hufes, um ihn exakt zu balancieren. Das hat gravierende Konsequenzen für die Bearbeitung. Man bearbeitet nämlich die mediale Fläche der Wand ggf. in einem anderen Winkel als die laterale und es geht methodisch auch nicht nur darum, extreme, für jeden offensichtliche Ballenhochstände zu korrigieren. Das Prinzip wird auch bei minimalen Abweichungen in der Balance angewandt. Funktioniert das System, dann hat es eine weit höhere Präzision, als andere Systeme und vor allem eine weit bessere Reproduzierbarkeit.

Ist es nun eine generelle Methode oder doch nicht?

Diese Frage wird die Zeit beantworten, wenn ausreichend viele Pferde mittels F-Balance korrigiert werden.

Nun habe ich als gelernter Naturwissenschaftler gar nicht den Anspruch an eine Methode perfekt zu sein. Wenn Wissenschaftler nur perfekte Methoden und Theorien benutzt hätten,wären sie nie weit gekommen. Ganz das Gegenteil ist in der Wissenschaft der Fall. Man benutzt sehr oft unzureichende Theorien und unzureichende Methoden, definiert aber vorher das Ausmaß der Unzulänglichkeiten, insofern man sie überhaupt erfasst. Trotz dieser und anderer Unzulänglichkeiten führte das zu großartigen wissenschaftlichen Erfolgen.

Es würde also schon reichen, wenn der Nachweis erbracht würde, dass die Methode Anz bestehenden Methoden überlegen ist, z.B. weniger Fehler als andere Methoden produziert, leichter zu erlernen wäre, für 90 % der Pferde geeignet, klar ist, für welche Problemstellungen sie nicht geeignet ist usw.

Fortschritt

Könnte diese Methode einen solchen Fortschritt bringen?

Ja, es gibt eine berechtigte Chance, das zu hoffen.

Die Methode nach Anz hat, gemäß erster Einschätzung, den Charme der Einfachheit. Angeblich war auch genau das das Ziel bei der Entwicklung. Vielleicht hat Anz erkannt, dass viele Hufschmiede an komplexen Methoden zu oft scheitern. Vielleicht hat er aber auch erkannt, dass es mit den Hufen wirklich einfacher ist als es immer behauptet wird.
Wie oben beschrieben ist sie viel reproduzierbarer als alle mir bekannten Methoden und sie entspricht auch viel mehr dem was man aus der funktionellen Anatomie über Muskeln weiß. 

Mal angenommen Anz hat Recht

Mal angenommen, Anz hätte mit seinen Grundannahmen Recht und wirklich ein reproduzierbares System zur Bearbeitung von Pferdehufen entwickelt, dann müssen viele deutsche Hufschmiede und Hufpfleger umlernen. Ganz nebenbei würde der Mythos, der so schrecklich komplexen Hufbearbeitung zerstört, denn das Prinzip an sich ist sehr einfach.

Aber man sollte sich nicht täuschen lassen und das einfache Prinzip mit einfacher Bearbeitung verwechseln. Wer einen Kurs bei Anz macht, kann schnell an seine handwerklichen und optischen Grenzen gebracht werden, das durften einige Teilnehmer schon leidvoll erfahren. Die Mehrzahl der Bearbeiter dürfte einiges an Übung brauchen, um jene Präzision zu erreichen, die diese Methode auf der anderen Seite einfordert, völlig egal ob da einer schon jahrelang Hufe geraspelt hat oder nicht. Die Messbarkeit und der Balancierungsanspruch im Millimeterbereich machen einem das Leben als Hufbearbeiter nicht gerade leicht. 

In jedem Fall sollten Hufschmiede wie Hufpfleger die Methode sehr ernst nehmen.