Die größten Hufirrtümer

1. Irrglaube: Der hat nun mal solche Hufe.

Richtig: Der Huf ist ein lebendiges Gebilde, und alles was lebt, kann sich verändern. Zum Negativen, aber auch zum Positiven.

 

2. Irrglaube: Ein Barhuf darf bloß nicht zu kurz werden! Hilfe, er bricht schon seinen Tragrand weg, wir müssen ihn lieber vorbeugend beschlagen!

Richtig: Ein Huf darf nicht zu lang werden, denn dann gerät er aus der Form, hebelt in den Wänden zur Seite, in der Zehe nach vorne, die Trachten schieben sich unter, dazwischen treten Risse und Spalten auf, oder der Huf wird glockenförmig und die weisse Linie (Lamellenschicht) trennt sich. Er versucht mit dem Wegbrechen der Wandüberstände lediglich, sich auf ein physiologisches Maß einzukürzen, denn der eigentliche Tragrand des Hufes besteht aus dem äußeren Sohlenbereich und der Wand auf einer Ebene.

Zu lange Hufe lassen die gesamte Statik am Huf kollabieren, es entstehen Fehlbelastungen, kein optimaler Abrollpunkt mehr, durch die gezerrte Lamellenschicht flacht das natürliche Sohlengewölbe ab und das Pferd wird fühlig, die Sohle dünner, das Horn weicher, denn der Huf versucht alles, um sich in ein natürliches Gleichgewicht zu bringen zwischen Hornqualität und Hornlänge und Abrieb. Wenn der Huf zu lang wird, hat er einfach zu wenig Abrieb. Dem steuert das Pferd entgegen.

Gesunde Barhufe, die über jeden Boden laufen können, sind i.d.R. relativ kurz, weil das Hufbein weit oben sitzt, wo es hingehört, die Kapsel gesund ist und die bindegewebigen Strukturen gut ausgebildet sind. Grund: die natürliche Kürze!

 

3. Irrglaube: Hufe brauchen hohe Trachten.

Richtig: Der Sohlenverlauf des Hufes gibt die natürliche Trachtenhöhe vor - nämlich mit dem Tragrand minimal bis etwa 2 mm länger als die feste Sohle. Sehr lange Trachten mit massiv Tragrandüberstand haben drei massive Nachteile:

Übrigens: Meist sollen die Trachten erhöht werden, weil das Pferd mutmaßlich zu flach steht. Dies ist jedoch fast immer ein fataler Irrtum: In Wahrheit ist fast immer die Zehenwand verbogen, die Trachten zu lang und das Pferd steht daher rückständig, was bei Anwendung des Fesselstandstheorie zu Fehlinterpretationen führt. Kürzt man die Trachten und bearbeitet die Zehenwand stellt sich das Pferd wieder normal hin und die Hufe passen plötzlich wieder zum Fesselstand.

fesselstand_kl.JPG

 

4. Irrglaube: Wenn sich ein Huf schief läuft, ist er zu beschlagen damit er gerade bleibt.

Richtig: Die Hufe laufen sich gemäß der Skelettstellung des Pferdes ab und das  kann durchaus einen leicht schiefen oder besser gesagt asymmetrischen Huf ergeben. Natürlich gibt es auch immer Ausnahmen, in denen ein Hufschutz sinnvoll ist, wie z.B. Fehlstellungen nach schweren Verletzungen, stark drehende Hufe etc., aber in der Mehrheit der Fälle ist das Ablaufbild des Hufes zu akzeptieren.

 

5. Irrglaube: Die Haarlinie muss immer parallel zum Boden verlaufen (dorsale Sicht).

Richtig: Es ist praktisch, wenn dem so ist, aber es ist oft genug nicht der Fall. Besonders bei Hinterhufen hat die Haarlinie oftmals Schräglage. Wer solche natürlichen Schräglagen im Rahmen der Bearbeitung nicht akzeptiert, begeht einen gravierenden Fehler.

 

6. Irrglaube: Der Strahl ist immer komplett sauber zu schneiden, weil sich sonst Bakterien und Pilze in die Risse setzen und den Strahl zerstören.

Richtig: Der Großteil der Strahle bedürfen gar keiner Behandlung, schon gar keiner durch ein Messer. Ein klassisches Zurückschneiden des Strahls sollte nur im begründeten Einzelfall erfolgen. Gegen gelegentliche Kontrollschnitte ist natürlich nichts einzuwenden und schon gar nichts gegen Behandlungen im Rahmen von Strahlfäule, Verletzungen etc.

 

7. Irrglaube: Die Hufwände sind täglich zu wässern und danach einzufetten damit das  Wasser im Huf bleibt.

Richtig: Die Hufwände nehmen kaum Wasser auf und geben auch kaum Wasser ab. Nur die Sohle ist tatsächlich zur verstärkten Wasseraufnahme bzw. ­-abgabe in der Lage. Wenn überhaupt wäre dann die Sohle zu wässern und zu fetten, aber nicht die Wände. Aber eigentlich braucht der Huf gar kein Fett.

 

8. Irrglaube: Ein Pferd tritt plan mit dem ganzen Huf auf.

Richtig: Diese Forderung nach planer Fußung trifft nur für die medio­laterale Balance zu, sprich ein Pferd sollte niemals von innen nach außen oder von außen nach innen klappen. Aber es sollte im zügigen Schritt mit einer leichten Trachtenfußung landen und keineswegs plan und schon gar nicht sollte es eine Zehenfußung haben. Allerdings bekommen Pferde unten Eisen mitunter Probleme mit der Trachtenfußung, weil die Enden der Eisen bei der Landung unangenehmen Druck auf die Trachten ausüben. Dann verändern die Pferde ihre Fußung und versuchen plan zu landen und dies oftmals kombiniert mit einer Art Schlittschuhschritt. Dieser Schlittschuhschritt wurde dann später irrtümlicherweise als natürliche und zwingend nötige Gleitphase bezeichnet.

 

9. Irrglaube: Bei schlechtem Hufwachstum und schlechter Hufqualität muss das Pferd für den Rest seines Lebens permanent beschlagen werden, da Hufqualität und -wachstum genetisch bedingt sind.

Richtig: Schlechte Hufqualität und geringes Wachstum werden zum Großteil erst durch permanenten Beschlag verursacht. Je mehr ein Huf auf Dauer geschützt wird und je weniger Abrieb er erfährt, desto schlechter wird er. Je nach individueller (auch genetischer) Ausgangssituation des Pferdes ist dieser Effekt verschieden stark ausgeprägt. Faustregel: Je schlechter ein Huf, desto negativer entwickelt er sich unter permanentem Beschlag. Die Lösung besteht darin, den Huf am Barhuf zu sanieren. Beim richtigen Maß an Belastung (ggf. temporären Hufschutz zu Beginn der Umstellung einsetzen) und Bewegung wachsen die Hufe in normaler Geschwindigkeit und guter Qualität nach. Nach erfolgter Sanierung gehören Hufprobleme der Vergangenheit an. Wenn nötig kann das Pferd nun ­ ohne Zitterpartie für den Schmied oder hohe Kosten für Speziallösungen ­ auch wieder temporär beschlagen werden.

PS: Ernährungsmängel, Stoffwechselstörungen oder permanente Schädigungen der Lederhaut, die obige Symptome verursachen, sind selten.

 

10. Irrglaube: Kunststoffhufschutz schadet durch "Stoppen" dem Bewegungsapparat. Der Huf benötigt eine Gleitphase wie mit Eisenbeschlag auf Teer.

Richtig: Die mit Eisen zu beobachtende Gleitphase ist eine negative Eigenschaft dieser Beschläge. Offensichtlich ist die Sturz­ und Verletzungsgefahr erhöht. Ein Barhuf gleitet auf normalen Untergründen nicht (siehe Hufabdrücke von nassen Hufen auf Teerweg). Kunststoffhufschutz wie bei Kunststoffbeschlägen oder Hufschuhen ähnelt in seinem Gleitverhalten dem Barhuf und ist in dieser Hinsicht daher vorteilhafter als ein Eisenbeschlag.

 

11. Irrglaube: Hufrisse müssen mit Spezialbeschlag behandelt werden. Oft wachsen sie nie wieder geschlossen herunter.

Richtig: Hufrisse entstehen, wenn bei einer schlechten Hufform mechanische Spannungen entstehen. Behebt man die Ursache, wachsen die Risse heraus. Hierzu ist kein Beschlag nötig, sondern eher hinderlich. Ausnahmen sind lediglich seltene Fälle, in denen die Lederhaut durch eine Verletzung oder einen lange bestehenden Riss permanent geschädigt ist. Selbst in diesen Fällen kann aber i.d.R. eine Verbesserung erreicht werden.

 

12. Irrglaube: Barhufgehen funktioniert nur im Offenstall mit verschiedenen Untergründen.

Richtig: Eine gute (!) Offenstallhaltung ist für viele Pferde die ideale Haltungsform. Allerdings sind gute Barhufe auch in Boxenhaltung mit Weidegang möglich. Durch die Haltungsbedingungen können Einschränkungen gegeben sein, z.B. darf man nicht von jedem Pferd, das ausschließlich auf weichem Boden lebt, erwarten ohne Hufschutz auf Schotterwegen geritten werden zu können. In solchen Fällen setzt man wenn nötig eben Hufschutz ein. Für Training in der Reitbahn ist i.d.R. ein Hufschutz überflüssig. Boxenhaltung ohne oder mit nur stundenweise Auslauf im Sommer ist nicht pferdegerecht, die Hufe sind dabei aber wohl noch eines der kleineren Probleme.

 

13. Irrglaube: Sportpferde müssen permanent beschlagen sein.

Richtig: Selbst unter dem besten Beschlag entwickeln sich Hufform­ und Qualität negativ. Man hält Pferd und Hufe gesünder, wenn in Trainingspausen/außerhalb der Saison der Hufschutz abgenommen wird und der Huf regenerieren kann. Je höher die Anforderungen an das Pferd im Sport, desto wichtiger sind gesunde Hufe. Konkret: Ein Freizeitpferd, das eine Stunde im Schritt geritten wird, mag dies auch mit schlechten Hufen noch passabel tun. Beim Pferd, das mehr belastet sind, werden dann jedoch häufig Grenzen erreicht (nicht haltende Beschläge, Lahmheiten). Je gesünder ein Huf, desto leichter, besser und haltbarer ist übrigens ein beliebiger Hufschutz anzubringen.

 

14. Irrglaube: Ein Beschlagsintervall beträgt 8 oder mehr Wochen, ansonsten ist ja noch nicht genug Horn gewachsen.

Richtig: Für die Mehrzahl der Hufe sind Intervalle von 4 bis maximal 6 Wochen sinnvoll, denn spätestens dann ist die optimale Stellung der Hufe nicht mehr geben. Wer behauptet, dass man nach 4 Wochen Hufe nicht korrigieren kann, ist handwerklich nicht gut genug.

 

15. Irrglaube: Der beste Hufschutz ist immer noch aus Eisen und wird mit Nägeln befestigt.

Richtig: Die Industrie bietet mittlerweile eine Fülle gute oder auch bessere Alternativen aus Kunststoff an. Einige dieser Produkte lassen sich auch kleben, so dass keine Nägel nötig sind. Noch sind nicht alle alternativen Hufschutztechniken für alle Nutzungen unserer Pferde optimiert, aber es wird nicht lange dauern und zu jedem Eisenbeschlag gibt es eine Alternative.

hl_aussen.JPG 7064995.jpg vr_aussen.JPG

 

16. Irrglaube: Wenn Pferde schon älter sind, darf man Fehlstellungen nicht mehr korrigieren, da sich die Sehnen und Bänder darauf eingestellt haben. Macht man es doch, riskiert man Schäden.

Richtig: Eine Fülle von Fehlstellungen lassen sich auch im hohen Alter mit positivem Ausgang korrigieren. Vom erworbenen Bockhuf über zu flache oder zu steile Stellungen bis hin zu fehlerhafter zehenenger oder zehenweiter Stellung ist sehr oft noch ganz viel möglich. Allerdings sollte man sich bei komplexen Problemen an einen erfahren Hufbearbeiter wenden, damit die konkrete Situation richtig eingeschätzt wird.

 

17. Irrglaube: Der Strahl darf den Boden nicht berühren, sonst geht das Pferd fühlig.

Richtig: Viele Pferde haben Probleme mit Strahlfäule und Strahlpilz und reagieren deshalb am Strahl fühlig. Ein gesunder Strahl hingegen, kann den Boden berühren und mittragen, ohne dass das Pferd fühlig geht. Im Gegenteil, der Strahl verbessert die Bodenhaftung und die Stoßdämpfung, wenn er mitträgt. Außerdem verhindert ein kräftiger, mittragender Strahl die Entstehung von Zwanghufen indem er bei jedem Schritt die inneren Strukturen des Hufes stimuliert und so die Bildung eines festen Strahlpolsters fördert.

 

18. Irrglaube: Beim Auskratzen dürfen Sie nicht den Strahl bearbeiten, damit die Huflederhaut nicht verletzt wird. Der Strahl besteht aus weichem Hufhorn und ist deshalb empfindlich. (gesehen bei "CAVALLO "). 

Richtig: siehe oben.