Warum wir bald keine Hufschmiede mehr brauchen

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Unvorstellbar

Wie soll das gehen ohne Hufschmiede? Das ist gar nicht vorstellbar. Unsere Pferde brauchen fachmännische Unterstützung, sonst können wir sie nicht nutzen.

Und doch es ist vorstellbar, vielleicht noch nicht jetzt, aber der Prozess hat längst begonnen, der die klassischen Hufschmiede Schritt für Schritt überflüssig machen wird. 

Qualität

Die Arbeit der Hufschmiede weist oft eine miserable Qualität auf. Untergeschobene, eingerollte und zu hohe Trachten, hochgeschobene Ballen, zerstörte Wände, gammeliger Strahl, zu lange Zehe, extreme Größenabweichungen in den Hufen, ausgedünnte Sohlen, Zwanghufe usw. sind keine Seltenheit sondern Alltag. Ein Blick in den nächstbesten Reitstall genügt, um das Desaster zu erkennen. Solche Hufschmiedeleistungen brauchen wir nicht. Sie sind Ursache für eine Fülle von Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Hufrolle, Sehnenschäden, Gelenkentzündungen etc. Es ist also oftmals genau andersherum als es vermittelt wird. Die Pferde sind nicht trotz der guten Arbeit der Hufschmiede krank, sondern wegen der schlechten. Sie werden krank gemacht. 

Vielen Pferden würde es tatsächlich schon helfen, wenn diese Art der Hufschmiede die Finger von den Hufen lassen würden. Mehr und mehr Pferdebesitzer erkennen das, suchen und finden Alternativen. 

Hufpfleger   

Die schlechte Arbeit der Hufschmiede hat die Basis für das Vordringen von Hufpflegern gelegt. Auch die sind keineswegs alle gut, aber sie sind ein Auffangbecken für unzufriedene Kunden der Schmiede. Die Zahl der Hufpfleger steigt und damit das Angebot. Nach und nach werden Hufschmiede an diese Gruppe die Pferde verlieren, die keinen Eisenbeschlag brauchen. Im Moment liegt die Priorität der meisten Hufpfleger noch auf der Barhufbearbeitung, aber immer moderne Hufschutztechniken kommen auf den Markt und erweitern damit die Möglichkeiten der Hufpfleger im Bereich Hufschutz. 

Neue Techniken/Produkte

Die Industrie schläft nicht sondern entwickelt ständige neue Produkte und Techniken. Sie macht dabei auch nicht vor dem Hufschutz halt. Die modernen, sehr leicht handhabbaren Hufschuhe haben sich längst im Bereich des Freizeitreitens durchgesetzt und sind sogar auf dem Weg in den Hochleistungsport, z.B. im Bereich der Rehabilitation und bestimmten Trainingsphasen.

Die Kunststoffbeschläge, einst belächelt, setzen sich mehr und mehr durch. Im Freizeitbereich können sie Eisen schon komplett ersetzen und auch Dressurreiter, Fahrer, Wanderreiter und  Distanzreiter bauen verstärkt auf Kunststoff und seine Vorzüge. Im Hochleistungsdistanzsport sind sie längst erfolgreich angekommen. 

Erweitert wird das Spektrum durch die neuen Klebetechniken. Ob Klebeschuh oder Klebekragen, genagelt muss gar nicht mehr werden. Es ist noch nicht alles optimal in diesem Bereich, aber es wird von Jahr zu Jahr besser. 

Für alle diese neuen Techniken braucht der Pferdebesitzer aber gar keinen Hufschmied mehr, denn die Domäne des Hufschmiedes, das Biegen von Eisen, fällt weg. Damit vollzieht sich im Handwerksbereich Hufbearbeitung das, was schon in vielen Handwerksbereichen passierte. Die industrielle Vorfertigung macht Berufszweige überflüssig oder verändert zumindest deren Arbeitswelt einschneidend. 

Der Pferdebesitzer kann sich also entscheiden, ob er es selbst macht oder es einem Profi überlässt. Und hier hat er zudem noch die Wahl zwischen Schmied und Hufpfleger, denn die neuen Techniken darf jeder einsetzen. 

Im Moment sind die neuen Techniken noch nicht so entwickelt, dass alle Bedürfnisse der Reiter abgedeckt werden. Allen voran gibt es noch keine befriedigenden Stollenlösungen für Springreiter, Vielseitigkeitsreiter und andere Disziplinen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch auch da gute Lösungen angeboten werden.       

Barhufbearbeitung und Barhufhaltung  

Aber, so der Einwurf, man braucht doch noch den Hufschmied zu Bearbeitung der Hufe, wie soll das ohne gehen? 

Die eine Alternative wird oben schon erwähnt, der Hufpfleger. 

Aber es gibt auch noch die Möglichkeit, es als Pferdebesitzer selbst zu machen.  Die ersten, die es versuchten, machten es aus purer Not. Die Arbeit des Hufschmiedes war erkennbar schlecht und Alternativen gab es nicht. Also versuchte man sich selbst, nicht selten mit verblüffendem Erfolg. 

Das Geheimnis des Erfolges heißt barhuf, allen voran die Barhufhaltung. Ganz Vieles wird einfach in der Hufbearbeitung, darf ein Pferd zumindest einen Teil der Zeit barhuf laufen. Zusammen mit ein paar nachweislich erfolgreichen Bearbeitungstechniken, kann jeder Pferdebesitzer seine Pferde auch selbst bestens versorgen. Im Moment haben das noch relativ wenige Pferdehalter erkannt, aber die Zahl wächst kontinuierlich. Unterstützt wird diese Entwicklung durch Hufkursangebote, in denen jeder sich umfassend informieren und praktisch lernen kann, wie es geht. 

Der Kreis schließt sich 

Und damit sind wir auf dem Weg die Versorgung der Pferdehufe abschließend anderen überlassen zu können als unseren Hufschmieden, sei es der Gruppe der Hufpfleger oder uns selbst. Denn wenn es Bearbeitungstechniken gibt, die die korrekte Stellung eines Pferdes garantieren, ohne einen Hufschmied nutzen zu müssen, ist die Basis gelegt. Wenn dann noch Produkte und Techniken für Jedermann zur Verfügung stehen einen guten Hufschutz zu garantieren,  dann ist auch der zweite Schritt getan. In dem Moment, wo es für jede Anforderung jeder Disziplin eine passende Technik gibt, die das Biegen von Eisen überflüssig macht, schließt sich der Kreis zu kompletten Eigenversorgung.

Wirklich ganz ohne Hufschmiede? 

Vermutlich nicht ganz ohne, denn wir haben ja auch noch Maler, Fliesenleger, Installateure usw. obwohl wir vieles auch selber machen können und es auch tun.

Aber die Hufschmiede werden sich ändern müssen um auf Dauer Akzeptanz zu finden, allen voran im Bereich der Qualität. Solange so viele Hufschmiede so unzureichende Arbeit abliefern, gibt es keinen Grund es nicht selber zu machen. 

Auch die Weigerung vieler Hufschmiede, moderne Materialien einzusetzen, obwohl sie gegenüber dem klassischen Eisen viele Vorzüge haben, werden sie auf Dauer nicht durchhalten. Denn wenn der Pferdehalter erst merkt, wie leicht es ist sie selber anzubringen und wie gut es vielen Pferde tut, auf Kunststoff zu laufen,  hat der Experte verloren.

Aber auch Tierärzte könnten auf die Idee kommen, den Hufschmieden ihre Arbeit wegzunehmen. Ein Rehehuf lässt sich ganz hervorragend mit modernen Klebetechniken, einem Castverband  und/oder Kunststoffschalen versorgen und zwar durch das klinische Hilfspersonal. Das ist für Tierärzte wirtschaftlich interessant.

Verbleiben dem Hufschmied noch ein paar orthopädische Spezialbeschläge, für die ein Eisen besser brauchbar ist und es mag sein, dass Gewichtseisen, wie bei Gangpferden üblich, auch nicht so schnell ersetzt werden. Vielleicht darf der kliniknahe Schmied noch den einen oder anderen OP-Eingriff, den der Tierarzt lieber dem Hufschmied überlässt, durchführen. 

Aber das Massengeschäft wird ihm nur bleiben, wenn er sich der neuen Zukunft stellt.